Übungen und Tipps für Kletterer – von Sportwissenschaftler Dieter Kofler
Viele Kletterer kennen das Problem:
Man möchte seine Fingerkraft trainieren, hat aber gerade keinen Zugang zu einer Kletterhalle oder zum Fels.
Reisen, Arbeit oder eine Trainingspause machen es oft schwierig, regelmäßig an der Wand zu klettern. Gerade in solchen Phasen stellt sich eine wichtige Frage:
Kann man Fingerkraft auch ohne Kletterhalle sinnvoll trainieren?
Die kurze Antwort: Ja – und es kann sogar sehr sinnvoll sein.
Als Sportwissenschaftler und Kletterer beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit Fingertraining für Kletterer und der Frage, wie man Hände und Unterarme gezielt stärken kann – auch außerhalb der Wand.
Warum Fingerkraft beim Klettern entscheidend ist
Beim Bouldern und Sportklettern sind die Finger das wichtigste Verbindungsglied zwischen Körper und Wand.
Besonders kleine Griffe wie:
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Leisten
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Sloper
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Pinches
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Mikrogriffe
fordern eine hohe Fingerkraft und Belastbarkeit der Sehnen.
Viele Kletterer versuchen deshalb, ihre Fingerkraft hauptsächlich durch mehr Klettern oder Hangboard-Training zu verbessern.
Diese Trainingsformen sind effektiv – haben aber auch Grenzen.
Das Problem beim klassischen Fingertraining
Beim Klettern arbeiten vor allem die Fingerbeuger. Diese Muskeln sorgen dafür, dass wir kleine Griffe halten können.
Die Gegenspieler – die Fingerstrecker – werden dagegen kaum belastet.
Mit der Zeit entsteht dadurch häufig ein muskuläres Ungleichgewicht, das typische Beschwerden verursachen kann, zum Beispiel:
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Schmerzen im Unterarm
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Reizungen der Fingersehnen
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Tennisarm oder Golferarm
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längere Regenerationszeiten nach dem Training
Deshalb sollte Fingertraining für Kletterer nicht nur aus maximaler Griffkraft bestehen.
Wichtige Faktoren sind auch:
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Fingerkoordination
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kontrollierte Belastung
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Antagonistentraining (Training der Gegenspieler)
Fingerkraft trainieren ohne Kletterwand
Viele Kletterer unterschätzen, wie effektiv kurze Trainingseinheiten außerhalb der Kletterhalle sein können.
Schon wenige Minuten Training können helfen, wichtige Fähigkeiten zu verbessern:
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Griffkraft
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Fingerkoordination
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Stabilität der Unterarme
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Aktivierung der Fingerstrecker
Der große Vorteil:
Diese Übungen lassen sich überall durchführen – zu Hause, im Büro oder unterwegs.
Gerade an Tagen ohne Klettersession können solche Übungen eine sinnvolle Ergänzung sein.
Die Idee hinter dem Boulderball
Aus der Frage, wie man Fingertraining ohne Kletterwand sinnvoll gestalten kann, entstand der Boulderball.
Die Grundidee war, die Logik des Boulderns in ein kleines, mobiles Trainingsgerät zu übertragen.
Ähnlich wie an einer Boulderwand geht es darum, unterschiedliche Griffkombinationen zu lösen – nur eben mit den Fingern an einem Ball.
Dabei werden mehrere Fähigkeiten gleichzeitig trainiert:
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Griffkraft
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Fingerkoordination
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Bewegungsgefühl der Hand
In Kombination mit Übungen für Fingerbeuger und Fingerstrecker entstand später das Boulderball POWER Trainingssystem, das gezielt auch das Antagonistentraining integriert.
Kurze Trainingseinheiten im Alltag
Viele Kletterer glauben, dass Training immer lange und intensiv sein muss.
In der Praxis zeigen jedoch viele Erfahrungen, dass regelmäßige kurze Einheiten sehr effektiv sein können.
Typische Situationen für Fingertraining ohne Kletterhalle sind zum Beispiel:
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Aufwärmen vor dem Klettern
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Training an Rest-Days
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Reisen ohne Zugang zur Kletterhalle
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kurze Trainingseinheiten zu Hause
Gerade diese kontinuierlichen Reize können helfen, Fingerkraft und Belastbarkeit langfristig aufzubauen.
Fazit: Fingertraining auch ohne Kletterhalle möglich
Auch wenn nichts das echte Klettern ersetzt, lässt sich Fingerkraft ohne Kletterhalle durchaus sinnvoll trainieren.
Wichtig ist dabei ein ausgewogenes Training, das nicht nur Kraft, sondern auch Koordination und muskuläre Balance berücksichtigt.
Für viele Kletterer kann es daher sinnvoll sein, kurze Fingertrainings-Einheiten regelmäßig in den Alltag zu integrieren – besonders an Tagen ohne Klettersession.
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